Auf der Suche nach Neapel

testo in italiano

Sì, tutto chesto ccà nun è 'na nuvità ... e tutte l'hannu ditto e ll'hannu scritto, che ffa? Certo che quanno 'a vide, tu stesso nun 'o ccride! Sta Napule ca ride è 'na felicità!*

Wie nähert man sich Neapel? Wo fängt man an? Von oben, von unten, zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Bus? In den eleganten Vierteln auf dem Posillipo, den urtümlichen Gäßchen auf dem Vomero oder tief unten in den Straßenschluchten der einfachen Leute im spanischen Viertel?

Wie man es auch anfängt – man findet immer das echte Neapel. Und erst alles zusammen ergibt, wie in einem Kaleidoskop, ein immer neues, ein vollständigeres Bild.

Wie eine verkrustete Muschel liegt die 3000 Jahre alte Stadt in einer Bucht des Mittelmeeres. Ins weiche Innere stößt man entweder durch einen der zahlreichen, in den hellen Tuff gehauenen Tunnel oder über enge Serpentinen von den Hügeln in das bunte Chaos hinab.

Neapel ist immer faszinierend, aber wer einen sonnigen Tag im Februar erwischt, vielleicht nach einem stürmischen Regentag, an dem der Vesuv mit frischem Neuschnee überzuckert ist, der wird sich unweigerlich an der Stadt berauschen. Die Luft prickelt dann wirklich wie Champagner, das Wasser des Golfs funkelt und die Palazzi und Kirchen strahlen genauso heiter wie die Menschen, die sich von dieser Frühlingslaune anstecken lassen.

Ich habe mir einen solchen Tag ausgesucht, um die Stadt und ihre Bewohner besser kennenzulernen. Das Auto lasse ich vor dem trutzigen Castel dell'Ovo stehen, an der Via Partenope, an der sich wie Perlen auf einer Schnur die besten Hotels Neapels im Wasser spiegeln. Genau hier war es auch, dass die Geschichte der Stadt vor ungefähr 3000 Jahren ihren Anfang nahm und Siedler aus Griechenland sich hier niederließen. Stolz auf solche Ahnen sind die Neapolitaner noch heute und so gibt auch Luciano de Crescenzo, Schriftsteller und Kenner der Seele seiner Stadt, seinem berühmten Buch "Also sprach Bellavista" als Untertitel mit: "Ich bin Sohn antiker Menschen".

Ich muss mich beherrschen, nicht gleich vor einem der Cafètischchen im Hafen des Borgo Marinaro zu kapitulieren. Hier schaukeln die Luxussegeljachten lässig in der leichten Dünung, während die Fischer von Santa Lucia ihre Netze flicken und immer Zeit für ein Schwätzchen haben. Ich bezähme also meine ständige Lust zu sitzen und zu schauen, und dringe tiefer in diese Muschel ein, in der Hoffnung wieder neue Perlen zu finden.

Neapel ist in den letzten Jahren sauberer und sicherer geworden, wie mir auch die netten Polizisten bestätigen, die auf der Piazza Trieste e Trento an diesem Morgen ihren Dienst tun. Sie erzählen mir, dass Bürgermeister Bassolino seit dem G7-Gipfel 1994 und dem Besuch Clintons sehr viel in Bewegung gesetzt und zum Guten gewendet hat. Er ist zur Identifikationsfigur geworden. Schon immer stolz auf ihre Stadt, freuen sich die Neapolitaner nun, dass auch Fremde den Wandel bemerken und sich hier wohl fühlen.

In der Via Toledo, der Einkaufsstraße im untersten Stockwerk Neapels, herrscht schon reges Treiben. Die wunderschöne Galleria Umberto I. (Ende 19.Jh) beachte ich heute kaum, da das Wetter einfach ins Freie lockt. Dafür vertraue ich mich der Standseilbahn (Funicolare) an, die mich in wenigen Minuten auf den Vomero, einem der Hausberge Neapels, bringt.

Hier oben finde ich eine eigenartige Mischung aus schicken Einkaufsstraßen, eleganten Wohnvierteln und alten, aber sauberen Gässchen, wo die Wäsche von Haus zu Haus gespannt ist. Zwischen den Mauern tut sich immer wieder der Blick auf das Meer, Capri, Posillipo und die untere Etage der Stadt auf. Wie ein mondänes Strandbad präsentiert sich die Riviera di Chiaia tief unter mir mit ihrem öffentlichen Park, der einst als Villa Reale dem einfachen Volke verwehrt war.

Von diesen neuen Eindrücken und Ausblicken überrascht, möchte ich wieder einmal ausrufen: "Jetzt habe ich Neapel wirklich gefunden!" – Aber hatte ich dasselbe nicht schon am Hafen von Mergellina, oben auf dem Posillipo oder in den dunklen Gassen des historischen Stadtkerns an der Spaccanapoli empfunden? Sie ist wirklich verwirrend und zugleich aufregend diese Stadt.

An der Piazza Vanvitelli, immer noch auf dem Vomero, ist es nun wirklich Zeit für einen köstlichen Cappuccino und ein duftendes Cornetto. Doch schnell zieht die Stadt mich wieder heraus und wie immer in mindestens drei Richtungen gleichzeitig. Soll ich den verlockenden Treppchen des Santarellaviertels folgen, die gleich hinter den schönsten Belle-Epoque-Villen hinab zum Meer führen? Oder soll ich mich den schicken Damen anschließen, die schon früh am Morgen die Geschäfte der weltbekannten Marken nach der neusten Mode absuchen?

Ich entscheide mich ganz anders und besuche die Terrasse vor dem Castel St. Elmo, das kalt und abweisend ganz oben auf dem Vomero thront und wie eine alte Eule über die Stadt zu wachen scheint. Endlich zeigt sich ein anderes Neapel, nicht das der schicken Häuser und der schönen Aussichten, sondern ihr Alltagsgesicht; das der Arbeit, des Schweißes und der Sorgen der kleinen Leute. Ich sehe auf die grauen, unzähligen Häuser und Straßenfluchten, die sich bis zu den Hängen des Vesuvs ohne Unterbrechung erstrecken. Klein und fern, Spielzeug, spielt sich da unten das ganze bunte und anstrengende Leben der meisten Neapolitaner ab. In dem Gewirr sind die grünen Kuppeln der Kirchen und einzelne Straßen auszumachen. Selbst das uralte griechische Straßenraster lässt sich von hier oben gut zeigen. Da leben Tausende in mit der ganzen Familie den sogenannten Bassi, Einzimmerwohnungen zu ebener Erde. Wohnen, Streiten, Feiern und Arbeiten wird dort zur öffentlichen Angelegenheit, denn die einzige Öffnung, durch die Licht in die vollgestopfte Höhle dringt, ist die Tür.

Futuristisch mutet dagegen das Kongress- und Verwaltungszentrum (Centro Direzionale) im Osten der Stadt an, das vom japanischen Architekten Kenzo Tange 1978 begonnen, in Glas und Beton, den Verkehr in den Keller verbannend, mitten zwischen das alte Chaos gesetzt wurde und nun wie ein kleines Manhatten die Blicke auf sich zieht. Noch nicht ganz fertig, ist es, obwohl umstritten, doch Symbol für die Modernität und Erneuerungsfähigkeit dieser uralten Stadt.

Aber nun bin ich ja nicht nur hier heraufgefahren, um hinunterzuschauen. Ich reiße mich von der Aussicht los - und schaue direkt in den kleinen Laden von Rino Corcione, der mit seinen sieben Brüdern einem aussterbenden Handwerk nachgeht. Er schneidet Gemmen und Kameen aus Muscheln und Halbedelsteinen und behauptet, einer der besten Kamee-Fabrikanten Neapels zu sein. Jedenfalls waren schon viele illustre Persönlichkeiten in seinem Laden, darunter auch Lady Clinton. Davon zeugen Fotos, Zeitungsartikel und unzählige Visitenkarten in den Vitrinen und an den Wänden. Überhaupt ist der kleine Laden vollgestopft mit zumeist antiken Möbeln, Andenken, Diplomen und nicht zuletzt den Schmuckstücken, die es hier zu kaufen gibt. Bereitwillig erklärt mir einer der Brüder Rinos sein Handwerk, das er im Licht der Eingangstür an einem Arbeitstischchen ausübt. Das Rohmaterial wird mit speziellem Wachs auf einen Holzgriff aufgepfropft und in eine, einem Stiefelknecht nicht unähnliche, Halterung gesteckt. So fixiert, lässt sich aus dem harten Material (Achat, Muscheln aus Afrika...) mit Hilfe einer Diamantspitze Schicht um Schicht herausarbeiten, bis florale Muster oder, wie durch ein Wunder, das hübsche Antlitz des "Frühlings" von Botticelli aus dem rosa oder blauen Stein wächst..

Wenn ich es recht bedenke, habe ich jetzt wirklich eine Perle in dieser riesigen Muschel gefunden

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* Ja, alles das ist nichts Neues ... und alle haben es schon gesagt, geschrieben. Aber du glaubst es nicht, bevor du es nicht siehst! Dieses lachende Neapel ist das reinste Glück! - zitiert aus dem Lied "E stelle 'e Napule" von Galdieri/Bonavolontà (1954)

 

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