Posillipo

27. Januar 2000 - Donnerstag

9 Uhr morgens in der Sonne auf dem Posillipo, genauer im Parco Virgiliano, der ganz oben auf dem schönen Felsenriegel  liegt. Ich sitze auf einer Parkbank. Die Rückenlehne fehlt zwar, meine Füße stehen in hohem Unkraut zwischen dem Müll eines halben Jahres, aber was will das schon ausrichten gegen die Schönheit, die die Sinne überflutet wenn man umherblickt? Vielleicht halten wir in Deutschland unsere Parks so sauber, weil der Park das Schönste ist, was es dort  zu sehen gibt? Hier ist der Park völlig unwichtig; er verteidigt nur den Standort gegen Wohnungsbau und Verkehr. Hier schweift der Blick frei in die  Gegend, und das Herz wird weit vor Staunen und Andacht über so viel Schönes, dass schon seit Urzeiten hier gewesen sein muss - der Mensch und der Müll spielen hier die kleinste Rolle. Vielleicht wird er eines Tages wirklich nicht mehr sein und das letzte Stück Plastik ist verrottet  - doch diese Landschaft wird weiter bestehen, immer schön, ohne einen Zweck zu verfolgen. Wer sich hier vor fast 3000 Jahren ansiedelte, muss schon denselben Schmerz über soviel Schönheit in der Brust gefühlt haben, und es wundert mich kein bisschen, dass hier schon gesungen, gedichtet und gemalt wurde, als der Rest Europas noch in Höhlen lebte.

Was ist es denn nun, was mich zu solchen Worten hinreissen lässt?  Es ist schwer auszudrücken, ohne dass es kitschig klingt.

Pinien bilden den Rahmen für das Bild, in dem ich sitzen darf. Zu Hören ist nur das Tuckern der Fischerboote und Vogelgezwitscher. Vor mir liegen steilabfallende Tuffsteinhänge im Sonnenlicht, mit  Büschen und indischen Feigenkakteen überberwuchert. .Eine Etage tiefer verteilen sich wie auf einer Hochebene die Villen des Posillipo inmitten grüner Gärten. Darunter die Bucht von Neapel, über  der eine Dunstschicht liegt und den Blick auf das Gewirr der Großstadt verwehrt. Eine Fähre durchpflügt mit weißer Bugwelle das Merr, als hätte ein Maler noch einen Farbtupfer hinzufügen wollen. Über allem, immer noch im Pinienrahmen, scheint der Vesuv wie losgelöst zu schweben: schwarz und majestetisch, Wächter und Bedroher zugleich. Dahinter leuchtet, schon in einem anderen Licht, die Bergkette Avellinos mit schneebedeckten Kuppen. Lasse ich den Blick ein wenig nach rechts schweifen, werden die Augen vom goldenen Streifen geblendet, den die Sonne auf das Wasser appliziert. Die Berge der Halbinsel von Sorrent bilden den Rand des Bildes, als hielten sie das Wasser im Golf von Neapel. Und ganz am Ende ahnt man nur im Dunst die Umrisse Capris, die mit zunehmendem Sonnenstand immer schwerer auszumachen sind.

Ein neugieriges Rotkehlchen  wagt sich immer näher zu mir, und die Sonne brennt mir auf den dicken Winterpullover, der wohl nötig ist, bei Lufttemperaturen um die Null Grad, was für dieses sonnen- und temperaturverwöhntes Land doch extrem niedrig ist.

Wer sich traut, über die Mauer zu klettern, die den Park begrenzen, sieht tief unter sich Felsen und Riffe im klaren Wasser liegen, durchbrochen von Höhlen und Ausspühlungen. Zwischen den Steilwänden leuchten halbmondförmige Strände, die unerreichbar scheinen.

Eine weiter Vierteldrehung nach rechts in diesem Diorama, und wir schauen auf einen anderen Golf, jenen von Pozzuoli. Eingefasst wie ein Edelstein von Nisida bis zum Capo Miseno; dahinter Procida und hochaufragend Ischia. Und als wäre der Wasserstand verschieden hoch, leuchtet am Horizont der blaue Streifen des offenen Meeres, genannt das Tyrrhenische.

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Schwärme ich zu sehr? Sehe ich alles zu positiv?

Nein - ich sehe auch den Müll und ärgere mich darüber. Ich sehe auch die Schwierigkeiten der kleinen Leute, die kaum Geld für die Heizung haben und Tag für Tag eine neue Einnahmequelle suchen müssen. ich sehe den chaotischen Verkehr in deiner Stadt ohne Ausweichmöglichkeiten, die baufälligen Häuser, die vielen Bettler und wieder und wieder den Müll. ich habe selbst mit den Mühlen der Verwaltung zu kämpfen und verstehe vieles nicht, weil ich doch nur Gast bleibe. Aber ich stehe ehrfürchtig vor dieser uralten Kulisse, in der sich seit tausenden von Jahren große und kleine Schicksale abspielen. Und ich bemerke den Stolz selbst der ärmsten der Armen; seine Würde aus dem Bewusstsein von edelster Rasse zu sein. Salopp gesagt, habe ich den Eindruck, als lebe man hier nach dem Motto: "Wenn es mir schon schlecht geht, dann danke ich Gott, dass ich wenigstens in Neapel leben darf."

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