Stadtführung

Samstag, 8. Januar 2000

Es ist neun Uhr morgens und Neapel liegt mir zu Füßen. Die Morgensonne liegt auf dem Posillipo und wärmt freundlich die beiden Zeitreisenden durch die Geschichte der Stadt Neapels, die an diesem Januarmorgen das Herz Partenopes suchen. Ich habe einen kundigen Führer zur Seite, der sich schon seit vielen Jahren mit der Stadt beschäftigt hat, und der mir den freundlich-chaotischen Koloss näher bringen will. 

Da unten liegt sie, die wimmelnde Großstadt, eingezwängt zwischen die Hügel des Vomero und dem Meer. Wo das Castel dell'Ovo im Wasser zu schwimmen scheint und auf dem Felsen (Pizzo Falcone) gegenüber, hat alles angefangen. Etwa im 8. Jahrhundert vor Christus gründeten Griechen dort eine Stadt und nannten sie Partenope. Nach dem Krieg mit den Etruskern konnten die Griechen aus dem nahen Cumae, welches die erste griechische Siedlung auf dem Festland war, nach dem sie schon lange auf Ischia und Procida ansässig waren, zwar die Oberhand behalten - jedoch war Cuma so zerstört und geschwächt, dass man sich unweit der alten Stadt, nun Paleopolis genannt, ansiedelte. - Neapolis, die neue Stadt, wurde gegründet. Nach heimatlichem Vorbild legte man etwa 470 v. Chr. ein regelmäßiges Straßennetz an, welches noch heute das Bild der Altstadt Neapel bildet. Drei Decumani verlaufen in Nord-Südrichtung und werden von circa zwanzig Cardines in ostwestlicher Richtung geschnitten.

 

Die Besiedelung der Stadt nimmt im Laufe der Jahrhunderte das ganze Tal ein, bis hinauf auf den Vomero, die Hänge des Vesuvs und machte zuletzt nicht einmal Halt vor dem schönen Posillipo, der mittlerweile auch bis auf den letzten Meter vielstöckig bebaut ist. - Einst ein Ort der Ruhe, Erquickung und Meditation (Pausilypon (griech.) = ohne Schmerzen), ist er selbst heute noch von atemberaubender Schönheit. Erst relativ spät, im 18. Jh., ließ Karl III. das Ufer vor der Riviera di Chiaia aufschütten und die Villa Reale anlegen, der Park, der heute zur Vorzeigegrünfläche, der Villa Comunale, geworden ist. Zu allerletzt und aus der Not der Verkehrs- und Bevölkerungsdichte heraus , wurde die Straße direkt am Ufer, vor dem Park und zwischen Castel dell'Ovo und Pizzo Falcone gebaut. Man muss bedenken, dass Neapel Europas dichtbesiedelste Großstadt mit den wenigsten Grünflächen ist.

Bevor es jedoch so weit war, kamen erst die Römer, dann die Normannen und später die Spanier und wurden die Herren der Stadt. Direkt an den Rand der Altstadt ließ der spanische Vizekönig Don Pedro de Toledo 1536 die Via Toledo anlegen. Jenseits davon ließ er Wohnungen für seine Soldaten errichten: das spanische Viertel, die Quartieri Spagnoli. Es heißt, er wäre bei der Verteilung der Wohnungen so vor gegangen: die Männer stellten sich auf einem Platz an der Via Toledo auf und mussten sodann auf Kommando loslaufen. Jeder bekam die Wohnung, die er zuerst besetzen konnte. Noch heute sagt man in Neapel: "Wer zuletzt kommt, wohnt schlecht."

Wir sind mittlerweile trotz der vielen Erklärungen durch das Fischerdorf Chiaia den Posillipo heruntergestiegen, haben bei Mergellina (aus dem Französischem = merveilleuse / wunderbar) gefrühstückt und sind mit dem Bus R3 an den schönen Häusern der Riviera di Chiaia entlang zur Mole Beverello gelangt. Sie hat ihren Namen von einer Trinkwasserquelle, die in der Nähe des Castel Nuovo sprudelte. Die Schiffe konnten so direkt am Hafen ihre Süßwasservorräte auffrischen. Manchmal führt die Quelle jetzt noch Wasser.

Der Bus hält an der Via Toledo und hier endet auch der vogelperspektivische Überblick über die Stadt. Wir tauchen nun direkt mit der Nase in den alten Kern, der die Zeitläufte fast unbeschadet überstanden zu haben scheint. Mit der Nase? Nein - mit allen Sinnen muss man Neapel erfassen; das Gewimmel sehen, riechen, hören und begreifen. Ja, sogar die Füße tragen mit dazu bei, die Geschichte zu verstehen, wenn sie das Pflaster aus Pipernum betreten - den schwarzen Vulkanstein, mit dem so vieles hier erbaut wurde und einen schönen Kontrast zum Tuffgestein bildet, aus dem die Stadt ansonsten besteht. Es handelt sich dabei um Lavaasche vom Vesuv, von einem nachfolgenden Ausbruch überdeckt und unter hohem Druck und Hitze zu festem schwarzen Stein geworden. Auch für die sogenannte Diamantquaderfassade der Kirche Gesu Nuovo, vor der wir mittlerweile stehen, wurde es verwendet. Diese, eigentlich in Florenz gebräuchliche Art der Fassadengestaltung, gibt es in Neapel nur hier und an einem Palazzo an der Via Toledo. Auch Gesu Nuovo war einmal ein Profanbau, gehörte zum Palazzo Sanseverino aus dem 15. Jh., wurde aber im 17. Jh. zur Kirche umgebaut, wobei die Fassade in den Bau integriert wurde. Im Innern, das meiner Meinung nach ziemlich unübersichtlich eingerichtet ist, finden sich wunderbare Marmorarbeiten und ein großes Fresko von Francesco Solimena von 1725. Vor der Kirche leuchtet mitten im Grau der Gassen die Guglia dell'Immacolata in der Sonne. Sie wurde im 18.Jh. aus Dankbarkeit für die wunderbare Errettung der Bewohner eines Hauses an diesem Platz aufgestellt. Ein Priester, der in diesem Haus wohnte, hatte im Traum den Einsturz des Palastes gesehen und es evakuieren lassen - gerade rechtzeitig.

Wir schlüpfen nun am großen Turm der Kirche Santa Chiara vorbei in die Spaccanapoli ein, die unterste (inferiore) der drei alten Decumani. Eng und schnurgerade scheint sie Neapel zu spalten - daher der Name. Und nun sind wir umringt von Geschichte - als könnte jeder Stein sprechen.  Ich muß mich beschränken, etwas aus der Vielfalt auszuwählen, so schwer es mir auch fällt. Besonders schön und seltsam finde ich die Kirche San Domenico Maggiore, von der wir auf der gleichnamigen Piazza nur die Apsis erblicken, die unweigerlich an maurische Einflüsse denken lässt. Die Kirche wurde im Jahre 1283 von Karl I. von Anjou erbaut und ist eigentlich gotischen Stils, der jedoch so oft San Domenico Maggiore umgebaut wurde, dass man eben auch eine maurische Apsis finden kann. Im Innern findet sich ein Bildnis des gekreuzigten Christus, das mit Thomas von Aquin geredet haben soll, der hier zwei Jahre im angrenzenden Kloster gelebt hat. Ganz weltlichen Genüssen kann man sich gegenüber der Kirche in der Pasticceria Scaturchio hingeben, angeblich eine der besten der Stadt. Wir lassen den Platz mit der großen Guglia di San Domenico, die nach der Pest von 1656 errichtet wurde, hinter uns und schlüpfen in die kleine Kirche Sant'Angelo a Nilo. Hier findet sich das Grabmal Kardinal Brancaccios, welches aus der Schule Donatellos stammt, der 1426 eigenhändig das Basrelief vorne am Sarkophag schuf, und nach Neapel schickte.

Weiter geht es die Straße hinauf in den Innenhof der Monte di Pietà. Aus dieser barmherzigen Einrichtung für Opfern von Geldverleihern aus dem 16. Jh. geht die Banco di Napoli hervor, die hier noch immer ihren Stammsitz hat.

Ein weiteres Kleinods Neapels liegt ein paar  Strassenecken weiter. In der Via Francesco de Sanctis Nr. 19, etwas unscheinbar in einem normalen Wohnhaus, finden wir den Eingang zur Cappella Sansevero.  Die kleine Familienkapelle derer von Sansevero wurde im 18. Jh. von Raimondo di Sangro, Prinz  von Sansevero, geplant. Der realtiv kleine, jedoch üppig ausgestattete Raum wirkt nahezu mystisch.  Da der Prinz Mitglied der Freimauerer war, finden sich für den kundigen Betrachter eine Fülle von Freimaurersymbolik in den Kunstwerken und sogar auf dem Fussboden.  Besonderer Anziehungspunkt der Kirche ist der Verhüllte Christus (Christo velato), der aus einem Marmorblock gehauen, auf dem Sarkophag in der Mitte der Kirche liegt. Wie durch einen Schleier sieht man den Körper hindurchscheinen - und bis heute gibt dieses Kunstwerk von Giuseppe Sanmartino (1720 -93) Anlass zu vielen Spekulationen.  Ebenso phantastisch ist die Marmorfigur eines Onkels von Raimondo, der sich aus einem geknoteten Netz herauswindet. Auch dies ein Meisterwerk der Marmorbearbeitung, deren Ausführung man sich nicht recht erklären kann.

Bevor wir die Kapelle verlassen, kommen wir durch die sogenannte Krypta, in der hinter Glas zwei Skelette aufgbewahrt werden, deren  Adern- und Venengeflecht seit dem 18. Jh. vollständig erhalten geblieben ist.  Auch dies unerklärlich. Alchemist und Wissenschaftler Raimondo di Sangro wird nachgesagt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen - und an manchen Abenden soll man ihn noch mit seiner sechsspännigen Kutsche über den Himmel des Golfs von Neapel geistern sehen können.

Es ist inzwischen fast Mittag geworden, Zeit für einen zweistündigen Abstecher in Neapels "Unterwelt" (Napoli Sotterranea). Neben der Kirche San Paolo Maggiore  ist einer der Eingänge, von denen geführte Besichtigungen des unterirdischen Neapels gemacht werden können. Da die Stadt schon immer aus dem Tuff, auf dem es steht, errichtet wurde, erstreckt sich unter der Stadt, wie ein riesiger Ameisenbau, ein ebenso faszinierendes und chaotisches Gänge- und Kanalsystem, wie darüber. Höhlen, Tunnel, Zisternen und Gänge, die teilweise bis in die ersten Anfänge der Stadt zurückreichen, gilt es zu entdecken. Fast jedes Haus der Stadt besitzt einen Zugang in Form eines Brunnenschachtes in dieses versteckte Universum. Die  Zisternen dienten seit Tausenden von Jahren als riesiges Wasserreservoir der Stadt. Die Disziplin der Neapolitaner ließ leider schon damals zu wünschen übrig. Es war einfach zu bequem, jedweden Müll in die Schächte unter den Häusern zu werfen, und so kam es 1680 zu einer verheerenden Choleraepidemie. Danach ließ man ein Aquädukt aus den Bergen von Avellino herführen, um die Stadt mit unverseuchtem Trinkwasser zu beliefern. Zu neuem Nutzen kamen die trocken- und freigelegten Gänge und Räume im 2. Weltkrieg, als man Luftschutzkeller für die Bevölkerung benötigte. In diesem Zusammenhang wurden richtige Treppen nach unten gehauen, von denen wir jetzt als Besucher profitieren.  Unten lassen uns die großen, alle mit der Hand und primitivem Werkzeug aus dem Stein gehauenen Räume erstaunen. Sie wurden  zu dreiviertel mit wasserundurchlässiger Farbe gestrichen, damit das gesammelte Wasser nicht im Tuff versickerte. Aber da gibt es auch Gänge, durch die man kaum aufrecht und oft  nur seitlich gehen kann. Ausgerüstet mit Kerzen zwängen wir uns durch die schmalen Schlitze und hoffen, nicht verloren zu gehen.

Gehen, Schauen und Begreifen macht hungrig.  Eine klassische Pizza guter neapolitanischer Qualität muss her. Direkt unter der Port'Alba, einem der alten Stadttore, werden wir fündig. Hier in guter Nachbarschaft mit Buchläden und kleinen, aber feinen Verlagshäusern, finden wir mit knapper Not einen Tisch "La vera Pizza Napoletana!". Leider haben wir sehr lange auf die Pizza warten müssen. Aber so konnten wir das bisher Erlebte noch einmal Revue passieren lassen und uns auf das Kommende vorbereiten.

Als nächstes geht es wieder ein paar Stockwerke tiefer, diesmal unter die Kirche San Lorenzo Maggiore, wo sowohl Häuser und Strassen aus römischer als auch griechischer Zeit zu sehen sind. Im Kreuzgang des Klosters wird gerade das römische Macellum - der Markt - weiter ausgegraben. Dann steigt man in den Keller darunter und steht noch eine Etage tiefer in den Strassen des griechischen Neapolis mit Handwerkerhäusern. Die einzelnen Epochen kann man sehr schön an den verwendeten Steinen und ihrer Anwendung ablesen.

Zum Abschluss dieses, an Eindrücken übervollen Tages, schauen wir uns Neapel noch einmal von ganz hoch oben an. Wir fahren mit dem Fahrstuhl auf die dreißigste Etage des Hotel Jolly, wo das Restaurant zu finden ist. Dort kann man den Ausblick auf ganz Neapel zu den normalen Essenszeiten  geniessen - oder auch außer der Reihe,  wenn man die freundlichen Herren an der Rezeption zu überzeugen weiss, dass es für die deutsch-italienischen Beziehungen von ausgesprochener Wichtigkeit ist.

:-)

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