Chorleben

Donnerstag, 16. Dezember

Die Gassen der Altstadt sind regennass und vom gelben Schein der wenigen Strassenlaternen in ein seltsames Licht getaucht. Wäsche hängt von Haus zu Haus trotz des feinen Regens. Motorini lehnen an den Hauswänden. Überall Treppchen und Steinbögen, die die Häuser verbinden oder stützen, wer weiß? Die ganze Szene wirkt unwirklich, oder besser, so wirklich, dass man sich in einen alten Film mit Sophia Loren versetzt fühlt.
In der Spaccanapoli stehen noch die Krippen, einige Stände, um Zubehör zum Krippenbau oder Christbaumschmuck zu kaufen. Auf dem Vorplatz von San Domenico Maggiore ertönt Musik. - Aber das sind ja wir!? Wahrhaftig, über große Lautsprecher am Portal der festungsartig wirkenden Kirche ertönt der Chor der Sänger von Posillipo in einer Aufnahme aus dem vergangenen Jahr. In der Kirche sind wir noch allein. Groß und schön ist sie - letzte Ruhestätte derer von Aragon (45 Grabmäler). Eine goldene Kassettendecke gibt ihr einen Glanz und eine Größe, die man von außen nicht vermutet hätte.
Es ist noch früh - mindestens eine Stunde noch bis zum Konzert. Meine Gäste belegen optisch und akustisch günstige Plätze im vorderen Teil des Mittelschiffs. Ich inspiziere die Umkleidemöglichkeiten hinter der Sakristei. Die anderen Chor-"Schwestern" rauschen nach und nach herein und hängen ihre blauen Roben, die wir heute zum ersten Mal tragen, an irgend einen Haken oder Vorsprung. Ich verhänge mit meinem Mantel die Büste eines römischen Jünglings, damit wir auch wirklich unbeobachtet sind. Alles zwängt sich in die neue Kluft; die Schneiderin, die extra gekommen ist, nimmt letzte Änderungen vor, setzt hier ein Nädelchen, weitet dort einen Ärmel. Es herrscht ein wenig dicke Luft (Area pesante) im Saale, da kaum jemand vom neuen Kleid begeistert ist.
Endlich beginnt das Konzert. Vor dem Kirchenraum versammeln wir uns schwatzend. Ciro teilt uns die Reihe und den Platz im Chor zu - dann beten wir! So gesammelt schreiten wir auf die Stufen vor dem Altar. Es ist wieder einmal kaum Platz zum Atmen (ich stehe in der zweiten Reihe), geschweige denn, um anständig in die Noten schauen zu koennen. Ich behelfe mich, indem ich in die Partituren der vor mir stehenden Sängerinnen schiele und das Meiste auswendig singe.
Die Kirche erstrahlt im Scheinwerferlicht, und ich bin froh und stolz, so einen Abend erleben zu dürfen.
Wir singen gut, das darf man sagen, und das Orchester bezaubert mit seinem durchsichtigen aber satten Klang. Das wünschte sich so manch deutscher Laienchor: Profimusiker von San Carlo, einem der renomiertesten Opernhäuser der Welt. Am Ende gibt es eine Zugabe: ein Ave Maria von Cimaruta (nicht Cimarosa, wie ich fälschlich annahm). Cimaruta war ein Landpfarrer aus der Gegend von Neapel und hat mit diesem Ave Maria ein in der gehobenen Kunstkritik eher umstrittenes Kunstwerk geschaffen, in dem man die ganze Beschwingtheit und Lebensfreude des neapolitanischen Charakters heraushören kann. Wenn man genau hinhört und die Augen schließt, sieht man die Dorfkapelle (la Banda) vor der Marienstatue in der Prozession marschieren.
Nach dem gut beklatschten Konzert läuft der Chor schnell auseinander. Jeder will nach Hause oder mit seinen Angehörigen, so wie wir, den Erfolg bei einer Pizza feiern.

Montag, 20. Dezember

Ich muß um 6 Uhr aufstehen, duschen, mich zurechtmachen, schminken. Es bleibt kaum Zeit fürs Frühstück - aber Michael, der die Kinder geweckt und das Essen gerichtet hat, besteht darauf, dass ich etwas esse.
Um zehn nach sieben sitze ich im Auto. 20 Minuten später fahre ich die Serpentinen zum Posillipo hoch. Welch ein Anblick: der Vesuv liegt im Morgendunst über einem bleigrauen Meer, welches sich tief unter mir in den Golf von Neapel schmiegt. Ein feiner Nieselregen setzt ein und trotzdem ist die Sicht atemberaubend schön. An der Kirche San Gioachino steht schon der Reisebus, der mich und den Chor nach Rom bringen wird. Heute ist nämlich unser großer Auftritt im Quirinal, dem Sitz des Regierungspräsidenten von Italien. Kurz nach halb acht fährt der Bus tatsächlich los, um dann noch weitere Haltepunkte in der Stadt anzufahren. Mittlerweile schüttet es wie aus Kannen. Der Bus darf nur hundert Stundenkilometer fahren und in Rom selbst herrscht der übliche Verkehr. Doch gegen halb zwölf stehen wir auf dem Vorplatz des Quirinals, au dem gleichnamigen Hügel, von dem aus wir wie von einer Terrasse auf einen Teil Roms herabschauen. Besonders schön ist hier Sankt Peter mit der frischrenovierten Fassade zu sehen.
Dienstbare Geister des Quirinalspalastes empfangen uns freundlich und führen uns in einen Raum kurz hinter dem großen Eingansportal zur Leibesvisitation. Unheimlich die an allen Ecken postierten Wachsoldaten in ihren phantasievollen Uniformen - alles Männer mit Gardemaß, die sich nicht bewegen und keine Miene verziehen dürfen. Wir werden also durchleuchtet wie im Flughafen und alle Taschen auf Bomben und Waffen untersucht. Dann geleitet man uns in einen Flügel des Palastes die große Scala d'onore hinauf, durch Zimmerfluchten bis in unsere Umkleidegemächer. Dort werden uns Kleiderständer mit Bügeln zur Verfügung gestellt, die bei jeder Belastung zusammenbrechen. Wir schaffen es schließlich sie auszubalancieren, aber wir müssen unsere Roben an diesem Tag noch öfter vom Fußboden aufsammeln. Nachdem jedes Kleid hängt und irgendwie gegen Verwechslung gekennzeichnet ist, wollen wir uns wieder mit dem Rest des Chores vereinigen und den Ort der Aufführung inspizieren - aber das freundliche Personal untersagt uns jegliches Umhergehen in anderen Zimmern. Wir warten. Einige nutzen die Zeit, um auf die einzige Toilette zu kommen. Aber mir liegt Schlangestehen nicht. Endlich hat sich einer der Männer zu uns durchkämpfen können und überzeugt unsere Wächter, dass der Chorleiter uns schon ungeduldig auf der Bühne erwartet. Schließlich soll noch einmal geprobt werden. Man begleitet uns gnädig dorthin. Mittlerweile ist auch das Orchster angekommen und hat die lange Prozedur des Durchleuchtens und Kofferöffnens hinter sich gebracht. Ich stelle mir vor, wie der Kontrabass auf den Kopf gestellt wurde.
Der Saal (il Salone dei Corazzieri),in dem wir vor Ciampi und seinen Ministern singen sollen, ist sehr schön. Fresken und Marmorsäulen, eine vergoldete Decke, schmücken den großen Saal. Der Fußboden besteht aus nichts Geringerem, als aus 2000 Jahre altem Marmor aus den Caracallathermen.
Wir proben. Techniker von der RAI, den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten Italiens, sind anwesend und stellen die Mikrofone ein. Wir werden wohl aufgezeichnet, aber ob man uns auch senden wird, kann uns niemand sagen.
Nun werden wir zum Essen geführt. Es gibt Essensbons für das "Roofgarden"-Restaurant der Galleria delle Esposizioni in der Via Nazionale (gleich nebenan). Das Restaurant ist eine Art Mensa mit Selbstbdienung. Heute gibt es Schmetterlingsnudeln mit Nusssoße und Lachs, gedünsteten Fisch und Backkartoffeln. Dazu nehme ich einen Salat und Cola. Die Italiener, meine Chormitglieder, monieren, dass ich kein Brot und Obst esse. Doch mir reicht es.
Mittlerweile ist es kurz vor drei. In der Bar des Museums nehmen wir noch einen schnellen Kaffee, bevor wir wie die Schafe wieder in den Palast geführt werden. Wieder Leibesvisitation, wieder Taschenkontrolle. Wir dürfen zurück in unsere Umkleidezimmer. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis zum Auftritt. Diesmal werden die Türen sogar abgeschlossen. - Man hat uns eingesperrt!!
Was haben wir jetzt zu tun? Schminken, Umkleiden, wieder Schlangestehen vor der einzigen Toilette. Ich bedaure die Männer, die sich nicht einmal schminken und sich also noch mehr langweilen müssen. Später erfahre ich, dass eingige von ihnen so schlau waren, ein Kartenspiel mitzubringen. Ich führe einige sehr nette Gespräche mit meinen Chorschwestern und schreibe ein wenig Tagebuch. Dann werden die Noten sortiert. Vielmehr bleibt nicht zu tun. Mittlerweile hören wir Stimmen und Geräusche von jenseits der Tür. Eine Bewacherin steckt den Kopf zu uns herein und ermahnt uns, nicht so laut zu sein - das würde stöhren - und uns schon einmal in der richtigen Reihenfolge für den Auftritt zu sortieren. Folgsam stellen wir uns in zwei Reihen auf, mit richtiger Vorgängerin und Nachfolgerin. Endlich, eine Viertel Stunde später, wird die Tür geöffnet. In langsamem Zug werden wir von einem Zimmer ins nächste geführt - immer in zwei Reihen und der richtigen Reihenfolge. Im fünften oder sechsten Raum kommen die Männer aus einer anderen Richtung dazu - es ist wie ein Ballett. Endlich stehen wir alle vor der Tür zum großen Saal. Die Luft ist zum Schneiden, warm und ohne Sauerstoff. Ich habe das Gefühl, in Ohnmacht fallen zu müssen und nicht mehr auf meinen Pumps stehen zu können, die ich seit dem frühen Morgen an den Füßen habe. Ständig werden wir vom Personal zur Ruhe gerufen, obwohl wir nur flüstern und die Senatoren im Saal viel lauter quatschen. Schließlich werden wir eingelassen. Wir treten auf die Bühne in Reih und Glied, ohne Fehler - und niemand beachtet es. Ciampi ist nicht anwesend, auch andere Plätze wichtiger Personen sind leer geblieben. Welch eine Enttäuschung - aber Italien steckt wieder einmal mitten in einer Rigierungskrise und muss just an diesem Nachmittag ein neues Kabinett bilden. Es kehrt Ruhe ein, der Chorleietr tritt auf - endlich gibt es auch Applaus. Eine Sprecherin des Chores begrüßt das Publikum und leitet in das Konzert über. Wir sind konzentriert, können unsere Enttäuschung herunterkämpfen, singen sehr gut. Das Auditorium ist weniger konzentriert: man schwatzt, schläft und klatscht an den falschen Stellen. Alles in allem kann man sagen, dass es ein kaltes Publikum ist. Am Ende wird unser Maestro von Frau Ciampi verabschiedet - quasi unter vier Augen, zu uns kein Wort. Wir treten ab und zwängen uns mit dem Publikum zugleich durch die enge Tür in Richtung der Häppchen, die in verschiedenen Räumen auf langen Tischen dargeboten werden. Unsere Herren mischen sich unerkannt unter das illustre Publikum und sind in nichts von den VIPs zu unterscheiden, während wir Damen wie große blaue Taunben in diesem besseren Nachthemd, welches unser Chorkostüm ist, durch die mit Gobelins und Kronleuchetern geschmückten Räume schweben. Manchmal werden wir angesprochen und für die schöne Darbietung gelobt. Ich fühle mich etwas verloren und müde und würde gerne nach Hause fahren. Dann wird es doch noch interessant, als ich mich einer kleinen Gruppe anschließen kann, die den Ausführungen eines Ortskundigen lauscht. Er zeigt und erklärt uns die "Cappella dell'Annunciata" mit Fresken aus dem 17. Jahrhundert von Guido Remi. Besonders schön und selten ist das Bildnis der Gottesmutter, die inmitten von dienstbaren Engeln an einem Tuch näht. Es soll die einzige Darstellung einer nähenden Maria sein.
Nun ist es wirklich Zeit für die Rückfahrt. Mittlerweile ist es halb acht. Der Abendverkehr in Rom ist mehr als verrückt. Erst gegen zehn Uhr sind wir hinter den Gebührenhäuschen der Autobahn Richtung Neapel. Um halb eins endet die Fahrt, die wir mit Unterhaltungen, Schläfchen und Singen hinter uns bringen, auf dem Posillipo, wo mein Auto wahrhaftig noch steht.

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