Alltag

Wir leben immer noch im Dreck...

Freitag, 15. Oktober

Draußen wird der Garten gemacht und drinnen frisch abgebröckelte Putzlöcher neu verschmiert und angestrichen (bei jedem Windzug fällt eine Tür zu und es bricht wieder ein Stück Putz aus der Wand). Die Männer, die im Garten arbeiten sind dieselben, die die Wände verputzen. Auf diese Weise verteilen sie mit ihren Schuhen nassen Lehm in der ganzen Wohnung. Den Hund muss ich nun auch für geraume Zeit in der Wohnung halten, denn er hat Gefallen daran gefunden, sich im frisch ausgesäten Grassamen zu wälzen.

Mittwoch, 20. Oktober

Bei uns grassieren Bauchschmerzen und Kopfweh. Erst hat es mich gepackt (von Sonntag bis heute), jetzt liegt Johanna flach. Leider habe ich auch mein letztes Chorkonzert am Sonntag mit Bauchschmerzen über die Bühne gebracht. Mein geliebter Chor aus Rom war mir nämlich auf halber Strecke entgegen gekommen, und so haben wir in Arce, einem kleinen Bergnest in der Nähe von Frosinone gesungen. Da das Konzert erst am Abend stattfand, sind meine liebsten Freunde aus dem Chor schon mittags angereist, so dass wir einen schönen Tag gemeinsam verbringen konnten, ( wenn da nicht meine vedammten Bauchschmerzen gewesen wären).
Ich habe jetzt eine Putzfrau - zum ersten Mal in meinem Leben - denn dieses Haus raubt mir noch den letzten Nerv. Drei Etagen weiße Fliesen, vier Bäder und draußen eine Staub- oder Matschwüste (je nach Wetter) hätten mich langsam aber sicher um den Verstand gebracht. Jetzt habe ich eine Frau, die mir wenigstens die Kinderzimmer und die Badezimmer abnimmt. So komme ich auch wieder zum Tagebuchschreiben.

Donnerstag, 21. Oktober

Ich habe einen neuen Chor. Hat aber auch lang genug gedauert, dass ich einen neuen gefunden habe. Ich bin seit gestern Abend in den illustren Kreis der 'Cantori di Posillipo' aufgenommen. Und das Beste ist, dass schon nächsten Freitag mein erstes Konzert sein wird. Wenn ich es richtig verstanden habe, findet es in der Kapelle der Heiligen Barbara im Castel Maschio Angioino, auch Castel Nuovo genannt. Wir werden das(?) Gloria von Vivaldi und die Fantasie Opus 80 von Beethoven zu Gehör bringen.

Freitag, 22. Oktober

Seit ein paar Tagen toben über Italien die alljährlichen Oktoberstürme. Ich bin gestern Nachmittag um drei Uhr in einen hurrikanartigen Wolkenbruch geraten - so was kannte ich bis jetzt nur aus dem Fernsehen. Der Wind peitschte den Regen von unten den Hang herauf, dass ich große Mühe hatte, den Wagen auf der etwas engen Küstenstrasse von Pozzuoli zu halten. Bäume wurden entwurzelt, Mülltonnen kullerten über die Strasse, einmal gab es einen Stau, weil eine Straßenlaterne umgeknickt über der Fahrbahn hin und nur noch von einem Müllcontainer gestützt wurde. Es gab nur wenige Mutige, die unter der Laterne herfuhren, darunter ich, denn ich musste die Kinder von der Schule holen. Das Ragenwasser konnte bei der Menge nicht in den verstopften Gullys versickern und rauschte deshalb als reißender Bach mit mir die Serpentinen nach Neapel hinunter. Reklameschilder lagen auf der Strasse und was sonst noch nicht niet- und nagelfest war. Heute morgen musste ich in der Zeitung lesen, dass ein Toter aufgrund des Unwetters zu beklagen sei.
Bei alledem haben wir es gar nicht kalt. Der Scirocco, das ist ein heftiger Wind, der von Afrika kommt, bringt ziemlich warme Luft mit sich, und so ist es trotz Wolken und Regengüssen immer noch um die 22 Grad warm. Wenn die Sonne herauskommt, kann man sich gleich im Top auf die Terrasse legen, um die Restsommerbräune zu pflegen.

Samstag, 23. Oktober

Heute sind wir dem Kaufrausch erlegen. Es wird langsam kühler und man bekommt Lust auf herbstlichere Kleidung. Im Navy-Exchange der Nato haben wir Shopping 'alla Americana' gemacht. Mit dem Einkaufswagen alle Abteilungen abgrasend, haben wir die ganze Familie eingekleidet. Schuhe, Hosen, Hemden, Pullis, Socken, Halloweenmaske, Zahnpasta ... ein Rundumschlag eben. Als wir dann gegen zwei Uhr, nach dem Besuch des Fastfoodladens, auch noch in ein ganz normales italienisches Spielwarengeschäft gehen wollten, wurden wir unfreiwillig daran erinnert, dass die Italiener eine lange Mittagspause machen, um dann von halb fünf am Nachmittag bis in die Puppen zu öffnen. --

Neues Thema: Schule. Gestern stand in der Zeitung (Lokalteil Repubblica), dass die Schulen in besonderen Risikogebieten (Gewalt, Drogen, Armut..) besondere Zuwendungen, d.h. auch höhere Lehrergehälter (Gefahrenzulage), bekommen. Das sind in Neapel immerhin dreißig Schulen, die in den Genuss der Unterstützung kommen. Die Zeitungsmeldung behandelte vor allem den Protest anderer Schulen, die sich auch zu den Risikoschulen zählen und sich zu unrecht von den Zuwendungen ausgeschlossen fühlen.
Wir schicken unsere Kinder aus gutem Grund in die Internationale Schule Neapel und ernten dafür in Bonn beim Dienstherr Unverständnis, da laut europäischer Kultusministerkonferenz alle staatlichen Schulen Europas gleich sind.

Sonntag, 23. Oktober

Um 12 Uhr mittags hatte ich eine Sonderprobe mit Orchester für das Konzert am Freitagabend. Was lag näher, als die ganze Familie mit nach Neapel zu nehmen? Sie vertrieben sich die Zeit in der schönen Villa Communale, dem öffentlichen Parks Neapels direkt am Wasser. Dort gibt es einen Rollschuhplatz, man kann Fahrradrikschas für die ganze Familie ausleihen, es gibt Spielplätze und nette Lokale. An diesem Sonntag gab es auch einen Antiquitätenmarkt. Ich habe ein paar Bilderrahmen erstanden, denn unsere Wohnung ist doch immer noch sehr kahl. Es war ein komisches Wetter für Ende Oktober. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass man den Eindruck bekam, das Wasser würde am Körper kondensieren. Dabei war es warm wie in einer Waschküche. Bei der kleinsten Bewegung brach man in Schweiß aus. Auch die Chorprobe in dem kleinen Saal, der sonst gerade für den Chor ausreicht, war heiß und stickig. Der Chor quetschte sich an die Wand, während der Rest des Raumes vom ziemlich großen Orchester ausgefüllt wurde. Ich kam direkt hinter den Oboen zu stehen und auf diese Weise schnell ins Gespräch. Die Musiker waren zum größten Teil Mitglieder des Orchesters der Oper San Carlo. Als der zweite Oboist hörte, dass ich auch Oboe spiele, gab er mir zu meinem größten Erstaunen seine Oboe und ließ mich darauf spielen. Ich würde mein Instrument an niemanden verleihen, und auch der erste Oboist schaute ein wenig verständnislos.
Nach einer Stunde war die Probe für den Chor schon beendet. Ich bummelte an der Wasserlinie des Golfs von Neapel zurück zu meiner Familie. Ich konnte sie nicht gleich finden und so schlenderte ich ein wenig über den Flohmarkt. Dann habe ich meinen Mann zu einem spritzigen Cocktail auf der Uferpromenade eingeladen. Unter hohen Platanen schauten wir direkt aufs Meer, welches hier in einem großen Bogen unterhalb des Bergrückens von Posillipo einen Teil des Golfes bildet.
Es hätte sehr romantisch sein können, wenn wir nicht immerzu von diesen bettelnden Straßenkindern auf Rollschuhen belästigt worden wären. Wir hätten uns am liebsten beim Wirt beschwert, aber es handelte sich ausschließlich um unsere eigenen drei Kinder, die ständig etwas wissen und vor allem von unseren Knabberkeksen naschen wollten.

Mittwoch, 27. Oktober

Okober?? Hier ist ein Wetter wie im schönsten August in Deutschland, und das schon seit einer Woche. Gestern Abend waren es in Neapelstadt um 23 Uhr am Wasser immer noch 24 Grad Celsius - und das bei wolkenlosem Himmel. Und feucht ist die Luft - irgendwie waschkuechig. Sobald man einen Handschlag zu viel tut, bricht der Schweiß aus. Die große Wärme soll auch dafür verantwortlich sein, dass der Vesuv ab und zu mal rumpelt. Heute war es wieder soweit. Ich werde berichten.
Und was machen die Kinder? - Die feiern Halloween, denn sie sind in ihrer internationalen Schule in einem eher amerikanischen Umfeld - also wird sich verkleidet, die Leute erschreckt und um Süßigkeiten gebettelt. Jetzt weiß ich, warum wir Karneval lieber im kühlen Februar feiern. Da kann man sich wirklich nach Herzenslust verkleiden, ohne gleich zu schwitzen. Hier gibt es übrigens außer Hexen, Skeletten und Pumpkins (Kürbisse) eine erstaunlich hohe Zahl an Darth Vadern und Obi Wans - alle ausgerüstet mit Lichtschwertern.
Gleich breche ich zu meiner fünften Chorprobe innerhalb der letzten zwei Wochen auf. Generalprobe mit großem Orchester! Übermorgen ist Konzert.

Montag, 8. November

Das Konzert in Santa Barbara war schön und anstrengend. Es war ein sehr warmer Abend und unter den starken Scheinwerfern, die die Bühne beleuchteten, war es wie in einer Sauna (Chorkostüm: langer, schwarzer Rock, schwarzer Pulli und schwarzer Seidenponcho noch darüber). Auf der Fahrt zum Castel Nuovo, in dem die Kapelle liegt, bekam ich zum ersten Mal wirklich das harte Brot des neapolitanischen Straßenverkehrs zu schmecken. Ich hatte ein Stunde für die Fahrt, die normalerweise eine halbe Stunde dauert, veranschlagt. Aber schon bei der Einfahrt in die Stadt musste ich erkennen, dass die Situation am Freitagabend doch ziemlich schlimm ist. Ich hatte es eilig und es war ein bisschen wie Krieg um den besten Platz an der Ampel. es war ein einziges Gerangel und Geschiebe in drei- bis vierspurigen Reihen, obwohl höchstens zwei Reihen vorgesehen waren. der Zeiger der Uhr rückte bedrohlich auf sieben Uhr zu, obwohl ich noch nicht einmal den Tunnel unter dem Bergrücken Posillipo hindurch war, der wie ein Riegel zwischen uns und Neapel liegt. Da kam es dann, dass ich beim Manövrieren vor einer Ampel die Stoßstange eines Taxis berührte und sie einmal von vorne bis hinten an unserem Auto vorbeischrammen ließ. Das meiste waren zum Glück Abriebspuren, die sich am nächsten Tag gut beseitigen ließen. Blöder war, dass ich die Sache nicht ganz so ernst nahm wie der Taxifahrer, der mich im Tunnel überholte und zum Halten zwang. Er war ein wenig aufgebracht, dass ich nicht von mir aus angehalten hatte (die Eile!), aber als er sah, dass eigentlich nur mein Auto den Schaden hatte, ließ er mich ganz freundlich weiterfahren. Nach alledem kam ich dann mit zwei Minuten Verspätung im Burghof des Castellos an. Ich hatte einen Freund aus Rom dabei, den ich kostenlos unter die Zuschauer schmuggeln wollte, denn Eintrittskarten gab es schon längst keine mehr. Er durfte zwar hinein, aber doch nicht so ganz umsonst - er musste das ganze Konzert auf der Videokamera des Chores filmen. Am Ende des Abends, den er nur durch den Sucher der Kamera erlebt hat, beklagte er sich über einen steifen Arm.
Am nächsten Morgen gab es einen weiteren musikalischen Leckerbissen: eine Generalprobe im ehrwürdigen Teatro Sankt Carlo, einem der schönsten Opernhäuser der Welt. Ich hatte während der Proben für unser Konzert den Englisch-Horn-Spieler des Orchesters von Sankt Carlo kennengelernt, und als er mich zur Generalprobe einlud, habe ich natürlich nicht nein gesagt. Und der Musikgenuss war einfach wunderbar. Das Orchester probte unter der Leitung von Evelino Pidò für den gleichen Abend vier programmmusikartige Stücke: Pacifc 231 von Arthur Honegger, ein Konzert für zwei Klaviere von Francis Poulenc, den Zauberlehrling von Paul Dukas und La mer von Claude Debussy. Es war ein Gesamtgenuss, diese spritzige Musik in einem so schönen Ambiente erleben zu dürfen. Wer mag, kann sich einen hier kleinen Einblick hinter die Kulissen des Opernhauses San Carlo verschaffen.
Am Montag, Allerheiligen und Feiertag auch in Italien, haben wir mit unseren Nachbarn und meinen Eltern, die am Sonntag zu Besuch gekommen sind, einen echt italienischen Familienausflug veranstaltet. Mit zwei Autos starteten wir gegen elf Uhr mit den Autos in die Berge, zu den Laghi di Monticchio in der Basilicata. Das war eine Fahrt von fast zwei Stunden. Das Wetter war herbstlich sonnig und die Temperaturen am See und überhaupt die ganze Atmosphäre erinnerte an einen schönen Herbsttag im deutschen Mittelgebirge. Da ein freier Tag viele Familien zu einem Ausflug verlockt und es in Italien so gut wie keine Wanderwege gibt, sind die wenigen Ausflugsziele schnell überlaufen. Hier war es ähnlich. Als wir ankamen, waren die Picknicktische, die am Rande der Straße zwischen Wald und See verläuft, schon mit Tischdecken eingedeckt und brachen fast unter der Last der mitgebrachten Speisen. Für meinen Geschmack hatte der ort mehr von einem Rummelplatz als von einem Ort in der Natur. Es gab Planwagenfahrten zu mieten, eine Eisenbahn auf Rädern, Ponys, ein ganze Reihe von Verkaufsständen und mehrere Einkehrmöglichkeiten. Eine kleine Stehkneipe hatte den merkwürdigen Namen Am See bhai Pietro. Als wir noch davor standen und über diese seltsame Deutsch nachdachten, erschien der Wirt und erklärte auf deutsch, dass er es so aufschreiben musste, sonst hätten die Italien das bei falsch ausgesprochen. Wir stellten unsere Autos auf den Parkplatz eines Gartenrestaurants, in dem wir nach unserem Spaziergang um den kleineren See der beiden Monticchioseen essen wollten. Die Kinder wollten lieber Tretboot fahren, statt zu laufen, und so schickten wir den Opa mit vier Kindern auf den See, während wir ihn langsam zu Fuß umrundeten. Der ganze Spaziergang nahm etwa eine halbe Stunde in Anspruch, womit wir uns als gute 'italienische' Familie die Einkehr ins Restaurant wohl verdient hatten. Wir haben lange an einem der Tische im garten gesessen und sehr lange auf unsere Speisen gewartet. Dabei wurde es immer vergnüglicher, bis wir das ganze Treffen abrupt auflösen mussten, denn es fiel uns ein, dass noch genau zwei Stunden bis zur Ankunft einer deutschen Freundin am Flughafen Napoli blieben. Nur soviel: wir haben es mit knapper Not aber rechtzeitig geschafft.

Montag, 15. November

Thema Müll. Von Mülltrennung hat man hier allenfalls schon mal aus dem Fernsehen gehört - es soll ja entfernte Länder geben, die so was versuchen. Hier wird der Müll folgendermaßen entsorgt: man sammelt alle entstandenen Abfälle in einem großen Sack. Wenn er voll ist, kommt er auf den Hof oder auf den Balkon. Dort wartet er mit seinesgleichen auf das Wochenende. Am Samstag lädt der neapolitanische Familienvater alle Säcke (es sind mindestens 5) auf den Dachgepäckträger seines Autos und fährt alles bis zu den nächsten Gemeinschaftsmülltonnen, die an den größeren Strassen am Straßenrand stehen. Dort stellt er erleichtert fest, dass er nur noch 2 bis 3 Säcke in die übervollen Container stopfen muss, da die anderen schon während der Fahrt heruntergefallen sind. Die eigentliche Mülltrennung geschieht hier nachts. Dann kommen die Straßenhunde und reißen die Säcke auf, um Essbares von Ungenießbarem zu trennen.

Dienstag, 16. November

Seifenoper 'neues Haus' - zigste Folge: seit Wochen haben wir immer mal wieder Regen. Das bedeutet in Neapel ganz konkret: Wolkenbrüche, Sturm und Gewitter. Es regnet nie lange, aber immer die Niederschlagsmenge einer Wochenration in Deutschland. Dass dabei jedes Mal unser Garten wegge- und unterspült wird, daran habe ich mich schon längst gewöhnt. Übler ist, dass auch die Strasse vor dem Haus, die keine ist, immer tiefere Canons bildet. Leider ist es wieder einmal mir und nicht Michael passiert: ich bin mit Wucht von einem Schlammhügel abgerutscht, mit dem Auto, wobei der vordere Spoiler völlig aus seinen Angeln gehoben wurde und nun verbogen ist. Zusammen mit den anderen 'kleinen' Schäden am Haus brachte das das Fass zum Überlaufen. Wir haben den Vermieter zu uns nach Hause bestellt, damit er sich die Mängel einmal selbst besieht und vor allem meinen Unmut zu spüren bekommt. Der Termin wurde für heute morgen um zehn angesetzt. Der Vermieter kam pünktlich, mein Mann nicht (er sollte unbedingt dabei sein.) Ich habe meinen ganzen Frust vom Hals geschimpft, dabei versucht freundlich zu bleiben. das ist gar nicht so einfach, wenn man wütend ist und auch noch in einer Fremdsprache schimpfen will. Außerdem sind freundliche Deutsche für Italiener schon unter normalen Umständen nicht freundlich genug. Das Ergebnis: eventuell gibt es nächste Woche eine Strasse, die Schäden am Auto zahlt niemand, und wenn mir das Haus nicht gefällt, dann kann ich ja in ein anderes ziehen.

Mittwoch, 24.November

Die Blüten der Engelstrompeten bekommen langsam braune Ränder, sie welken; am Wege blühte mir heute Morgen eine frische Rose. Gestern Abend versank die Sonne nach einem strahlenden Tag blutrot im Meer (bei Capri). Endlich ist wieder schönes Wetter!
Letzten Freitag hatte ich in der Stadt eine Verabredung. Taku, ein japanischer Freund aus meinem Italienischkurs in Rom, wollte sich Neapel anschauen und mich bei der Gelegenheit wiedersehen. Der Morgen begann herbstlich frisch mit ein wenig Nieselregen, so dass ich mich schon in einen deutschen Septembertag versetzt sah. Wir schlenderten durch die "Villa Communale", der guten Stube Neapel, zum Ufer. Der Regen wurde stärker, aber noch waren wir guten Mutes. Welch ein Schauspiel. Der Wind blies so stark, dass die weiße Gicht an den Mauern vom Castel dell'Ovo hochschoss und die Wellen in riesigen Brechern gegen die Ufermauern krachte. Wir kamen nur mühsam gegen den Wind an - und fanden es immer noch lustig. In einem gemütlichen Cafè mit großen Panoramascheiben direkt am Ufer konnten wir uns von den ersten Strapazen und für die noch kommenden bei Cornetto und Cappuccino stärken. Endlich konnten wir auch erzählen, denn das war bei dem Wind und Wetter draußen nicht möglich. Die ganze Atmosphäre erinnerte mich stark an einen Spaziergang am Elbufer in Hamburg bei Springflut. An einen Stadtbummel war nicht zu denken - der Regen nahm ständig zu. Wir dachten, man könnte das Castel dell'Ovo besichtigen, und so machten wir uns auf den Weg. Über die Straße (lebensgefährlich!) und über den Damm mit dickem rutschigen Kopfsteinpflaster, der das Castello mit dem Festland verbindet. Hier kam zum Regen die sprühende Gicht dazu. Einmal drehte sich Taku zu mir herum, um mir etwas zuzuschreien, da bekam er einen ganzen Schwall Meerwasser direkt ins Gesicht. Nachdem wir all diese Mühe auf uns genommen hatten, gab man uns im Innenhof der Burg die traurige Auskunft, dass sie natürlich bei diesem Wetter nicht zu besichtigen sei. Schließlich kann man nicht drinnen, sondern nur oben auf den Festungsmauern wandeln. Sicher ein Erlebnis bei Sturm, aber auch viel zu gefährlich. Wir sind noch einige Zeit im Regen herumgelaufen; haben die Kirche San Francesco di Paola besichtigt, einen Blick in den Palazzo Reale geworfen. Taku wollte zum Archäologischen Nationalmuseum, und so haben wir uns bald getrennt, denn dafür reichte meine Zeit nicht mehr. Mittlerweile war ich nass wie eine Katze und trotz der 16 Grad, die es am diesem Morgen hatte, wurde mir unangenehm kalt.

Im Laufe der Woche gab es neue Entwicklungen in der Fortsetzungsgeschichte "Neue Straße". Erst setzte das Auto einer Bekannten auf einem großen Stein mitten in Strasse auf, als sie mir die Kinder von der Schule nach Hause bringen wollte. Zum Glück hatte ich wie so oft Handwerker im Haus, die uns halfen, das Auto wieder flott zu bekommen.
Vorgestern morgen - ich kam gerade aus der Schule zurück - steckte das Auto meiner Putzfrau mit dem rechten Vorderrad so in einem Schlammcanon, dass das linke Hinterrad frei in der Luft hing. Sie war verzweifelt und alles Ruckeln und Anfahren half natürlich gar nichts. Diesmal gab es keine starken Männer weit und breit. Ich rief Gennaro an, unseren Automechaniker und mittlerweile Freund, der ganz in der Nähe wohnt. Er versprach baldmöglichst zu kommen. Unterdessen nahm meine Putzfrau die Arbeit auf. Gemeinsam mit Gennaro habe ich dann die Kiste mittels Seilen und meinem armen Auto im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Dreck gezogen. Eine Nachbarin und Miteigentümerin dieser Nichtstraße kam hinzu, und so ließ ich all meinem Unmut über diese Situation freien Lauf. Denn der wahre Grund, warum es immer noch keine Straße gibt, obwohl die meisten Häuser an diesem Weg schon seit zehn Jahren stehen, ist, dass die Nachbarn sich nicht über die Bezahlung der dringend erforderlichen Straße einigen können. Und so streiten sie sich schon seit Jahren - ohne Erfolg - und nehmen stattdessen ständige Reparaturen an ihren Fahrzeugen in Kauf.
Und dann geschah gestern Morgen das große Wunder: ein Raupenfahrzeug kam und ebnete die ganze Fahrbahn und füllte die Löcher auf. - Heute Morgen - ich höre den Lärm der Maschinen - sind sie dabei, kleine Steine als Untergrund für den Asphalt zu verteilen. Ich hoffe jetzt bloß, dass sie die Arbeit beenden können, bevor der nächste Regen einsetzt und sich neue Canons auftun.

Freitag, 26. November

Das Wunder ist geschehen: wir haben eine richtige Strasse, eine glatte Teerdecke, vor dem Haus!
Eviva und hip hip hurra!!

Dienstag, 30. November

Heute morgen muss ich die Kinder in die Schule fahren. Es ist herrliches Wetter - zum Fotografieren schön, aber leider habe ich die Kamera nicht dabei.
Ich kehre nicht sofort nach Hause zurück, denn ich will spazieren gehen. Ich lenke den Wagen immer entlang der Küste zur nördlichsten Ecke des neapolitanischen Golfes, dem Capo Miseno. Ziemlich eng und kurvenreich windet sich die Strasse durch Pozzuoli und Baia, immer vorbei an den verschiedensten Gewässern: dem Lago Lucrino, Lago Fusaro, Mare Morto, Lago Averno und den "beiden" Meeren: dem Golfo di Pozzuoli und dem thyrenischen Meer. Endlich komme ich nach Miseno, welches nur über eine Landenge zu erreichen ist. Ich mache nicht wieder den gleichen Fehler, wie schon einmal, als ich auf einer Einbahnstrasse einmal im Kreis geleitet gleich wieder aus dem ort geworfen wurde, sondern halte mich im Ort immer rechts, so dass ich schließlich in die Via Faro gelange. Mein Ziel ist der Berg, der das Capo Miseno und den Golf abschließt. Die Strasse wird immer enger; mein Wagen passt gerade noch durch und trotzdem ist es keine Einbahnstrasse. Plötzlich stehe ich vor einem engen, langen Tunnel, der nur für Anliegerverkehr erlaubt ist. Nun bin ich aber nicht so weit gefahren, um mich von einem solchen Hinweis aufhalten zu lassen. Ich fahre durch den Berg und werde an der anderen Seite des Tunnels mit einem grandiosen Ausblick auf das offene Meer und einer kleinen Klippe mit einem weißen Leuchtturm darauf belohnt. Links von mir erhebt sich der Berg, rechts liegen ein paar Villen wie in einen großen Garten geschmiegt - vor mir endet die Strasse an einer Mauer. Etwas enttäuscht parke ich den Wagen, denn ich will wenigstens ein wenig das Panorama genießen, wenn ich schon nicht spazieren gehen kann. Als ich aussteige, bemerke ich einen Pfad, der den Hang hinaufführt. Wie herrlich! Es ist wahrhaftig ein mehr oder weniger guter Weg bis hinauf auf die Spitze. Zu Anfang noch mit Tuffblöcken gepflastert und mit einem Mäuerchen eingefasst windet sich der immer enger werdende und vom Gras und Gesträuch überwucherte Weg in einem angenehmen Bogen hinauf. Immer wieder gibt es neue Ausblicke, vor allem auf die Insel Procida, die ich von hier ganz von oben überblicken kann. Die Festung, ein ehemaliges Gefängnis, leuchtet trutzig in der Morgensonne. Tief unter mir sehe ich die Fährschiffe und Fischerboote fahren. Am Horizont in südlicher Richtung habe ich die ganze Skyline des Golfs von Neapel bis nach Sorrent vor Augen. Besonders schön ist, dass der Morgendunst die unteren Abschnitte, und damit Neapel und die Industrieanlagen mit einem weißen Schleier verdeckt, so dass es aussieht, als sei dieses land von Menschen unberührt. Der Vesuv und die Berge von Sorrent stechen klar gegen den blauen Himmel ab, darunter ein weißer Dunstschleier, und noch darunter das Meer mit vereinzelten Booten. Mittlerweile habe ich den Gipfel des Monte Miseno erreicht, der mehr wie eine Hochebene daliegt. Unter dem üppig wuchernden Grün liegen Ruinen von mehreren Häusern begraben - schwer zu sagen aus welcher Zeit, jedoch sicher nichts Antikes. Am äußersten Punkt, der ja immer noch mein Ziel ist, erhebt sich ein großer einsamer Eukalyptusbaum. Mittlerweile ist es halb neun. Mir ist vom Aufstieg sehr warm geworden. Ich breite meinen Mantel als Decke auf den Boden und genieße die Ruhe und die Sonne, die immer noch große Kraft hat. Da es außerdem windstill ist, kann ich sogar den Pulli ausziehen und im T-Shirt ein Sonnenbad nehmen. Immerhin sind es etwa 19 Grad und das am letzten Novembertag.
Dann kommt der Abstieg, der wieder neue Ausblicke eröffnet, diesmal auf die Buchten von Miseno und Baia, auf den Strand von Miseno. Am Horizont liegt Pozzuoli, mittlerweile von der Morgensonne in helles Licht getaucht.
Am Ende meines Weges, ganz in der Nähe meines Autos, treffe ich auf Luciano, der angefangen hat, den Weg von Unkraut zu befreien. Ich lobe die Schönheit dieses Fleckchens Erde und wir stellen uns einander vor. Er will mir noch einen besonderen Ausblick zeigen. Ich folge ihm ein paar Meter durch einen anderen engen Pfad, und wirklich, man überblickt den Golf wieder aus einer anderen Perspektive und sieht die Klippen unterhalb des Capo Misenos im Wasser liegen. Leider verdirbt Luciano hier meine schöne Stimmung, indem er ziemlich plumpe Annäherungsversuche macht. Ich sehe zu, dass ich Land gewinne und fühle mich in meinem Auto um einiges sicherer. Schade, das nächste Mal werde ich mich wohl nur in Begleitung in dieses Paradies wagen.

1. Dezember

Chorabend. Ich verlasse um 19 Uhr zwanzig das Haus. Zeit genug um gemütlich durch den Abendverkehr in die Stadt zu gondeln. Um es noch schneller zu machen, nehme ich die Tangenziale, will in Fuorigrotta 'runter, um die Vororte zu umfahren. Das kostet ein wenig Geld, aber spart eine viertel Stunde. Doch schon nach der ersten Abfahrt (Agnano) ein Stau! Man schiebt sich vier- bis fünfreihig, wo sonst nur drei Spuren flotten Verkehr gewährleisten. Dazwischen Abschleppwagen, Polizisten mit Blaulicht. Sicher ein Unfall. Einer? Nein, gleich mehrere. Meistens hässliche Auffahrunfälle mit Blechschaden. Aber das ist nicht der Grund für das Chaos.
An der Abfahrt Fuorigrotta (eine Stunde später!) kann ich mir alles erklären. Man verkauft Eintrittskarten für das Fußballspiel zwischen "Il Napoli" und "Juventus Torino", das in zehn Minuten angepfiffen wird. Nach weiteren zehn Minuten habe ich endlich das Stadion Paolo hinter mir gelassen, wo wie wild geparkt wird. Mittlerweile höre ich die Jubelschreie der "Tifosi" sowohl im Radio als auch von draußen. Den Rest des Weges (den längste Teil) rausche ich ohne Behinderung weiter, finde einen passablen Parkplatz und öffne um 20 Uhr 45 die Tür zum Probenlokal. Man probt bis zehn nach zehn. Also war der Weg nicht ganz vergebens. Demnächst werde ich mich besser über die Fußballspiele in Neapel informieren.
Napoli hat übrigens 1 zu 3 verloren. Kommentar im Radio: La Juve war ganz la Juve und il Napoli - eh beh.

Samstag, 4. Dezember

Unser Haus ist heute Abend Austragungsort für einen "internationalen" Kochwettbewerb. Roberto und Lilia kommen aus Rom und kochen piemontesische Vorspeisen - wobei Roberto kocht und Lilia die Handreichungen macht. Die Küche verwandelt sich ab zehn Uhr morgens in ein Schlachtfeld. Eine "bagna caôda" auf gedünstetem Gemüse und eingelegte Anchovis sind das köstliche Ergebnis. Unsere Nachbarn Franco und Patrizia, beide 100% Neapolitaner, zaubern aus Kalamares, Sahne und Nudeln eine sogenannte Papardella als primo - also die erste Hauptspeise, die in Italien immer ein Nudel- oder Reisgericht ist. Wir Deutschen steuern den zweiten Gang (secondo) und den Nachtisch bei. Wir garen einen Rollbraten in der Bratfolie, mit beigelegten Zwiebeln und Rosmarinnadeln. Einfach aber sehr effektiv - wahrhaftig deutsch! Dazu gibt es grüne Bohnen mit Speck und Tomaten. Den Nachtisch, eine Bayerische Creme alla Orange, habe ich schon am Vortag in aller Ruhe zubereitet. Dazu kann ich keine Zuschauer gebrauchen.
Der Abend ist gelungen. Keiner der Teilnehmer muss sich mit schlechten Noten begnügen. Wir haben alle gewonnen und sind begeistert. Sowohl der piemontesische als auch der neapolitanische Rotwein tragen das Ihrige zur guten Stimmung bei.
Roberto und Lilia bleiben noch bis zum nächsten Tag und erleben ein echt deutsches Adventsfrühstück. Sozusagen ein Frühstück deluxe - etwas absolut Ungewohntes für Italiener. Aber sie scheinen es zu genießen; sowohl die Atmosphäre als auch den deutschen Kaffee, das Brot, den selbstgemachten Quittengelee, den stimmungsvoll gedeckten Esstisch mit Adventskranz und festlicher Musik. Da passt es geradezu, dass draußen ein scheußliches Regenwetter herrscht und es niemanden zu Ausflügen drängt.
Am späten Nachmittag wagen wir uns dann doch noch in die Stadt und schieben uns durch die enge "Spaccanapoli", in der es unzählige Stände mit den typischen Weihnachtskrippen, aber auch Krippenzubehör, gebrannte Mandeln, Maronen und Antiquitäten gibt. Leider werden wir auch hier nicht vom Regen verschont. Wir wollen noch auf einen Kaffee im Caffé Gambrinus einkehren, aber dort schiebt sich auch eine riesige Menschenmenge. Wir verzichten, schauen uns nur kurz in diesem berühmten und schönen Ort um - und flüchten nach Hause.

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