Fortsetzung des Romtagebuchs - jetzt im Handel

Umzug

Ein chaotischer Anfang; 26. August - Donnerstag

Wir sind in Neapel! Am Dienstag haben wir gegen halb fünf Uhr Nachmittags unsere alte Wohnung in der Nähe von Andernach verlassen und sind dreieinhalb Stunden bis Ulm gefahren, wo wir die erste Nacht verbracht haben. Am nächsten Morgen erreichten wir nach elf anstrengenden Stunden Rom. Wir wurden fürstlich in Paglierini, einer ehemaligen Römersiedlung oberhalb Sacrofanos untergebracht. Das Anwesen ist im Besitz der Signora Allegri, einer Adeligen, deren Familie früher ganz Sacrofano gehört haben soll. Freunde haben für uns gekocht und mit uns bis nach Mitternacht Wiedersehen und Abschied gefeiert.
Ziemlich müde brachen wir heute früh auf, um den Möbelwagen einzuholen, der schon in Napoli angekommen ist, und um den Immobilienmakler zu treffen, der uns den Schlüssel zu unserem Haus geben muss.
Soweit lief alles wie geplant. Als wir zum Haus kommen, der erste Schreck: die Zufahrtsstraße zum Haus ist mit einem Tor versperrt. Bis der Schlüssel organisiert ist gehen Michael, die Kinder und die Möbelpacker schon mal vor, um sich das Haus anzuschauen. Michael schickt Johanna zu mir zurück, um mir schonend beizubringen, dass das Haus alles andere als fertig ist. Die Türen fehlen immer noch, die Elektrik ist noch nicht ganz fertig, aber was viel schlimmer ist: die ganze Wohnung ist schmutzig, auf allen Fußböden liegt eine dicke Dreckschicht, auf die man keine Möbel stellen, geschweige denn irgend etwas auspacken kann.
 Wir sind ziemlich ratlos und warten darauf, dass ein Schreiner für die Türen und eine Putzkolonne für den Dreck kommen. In jedem Zimmer (außer in dem, wo ich mein Büro mit Computer und Internetanschluss vorgesehen habe), liegt Telefon. Leider ist das Kabel von der Straße zum Haus nicht verlegt worden. Das hat die Telekom leider vergessen.

Übrigens herrscht eine Affenhitze (36°), die vor allem unseren Möbelpackern zu schaffen macht. Die Einfahrt in die Garage wird gerade geteert, was den Zugang mit den Möbeln zu allem übel auch noch erschwert.
Fazit: wenn alle Probleme gelöst sind, ist es ein Traumhaus.

Freitag, 27. August

Es ist halb zwei am Nachmittag. Ich sitze mit schmutzigen Füssen und schweißverklebten Haaren in meinem neuen Schlafzimmer auf dem Bett und versuche den Schreiner zu verstehen, der sich mit mir auf neapolitanisch unterhält. Ich bin müde, man kann sagen ziemlich fertig.
Gestern sind wir gar nicht mit dem Umzug weitergekommen. Gegen fünf Uhr haben die Möbelpacker unsere Betten aufgestellt und Feierabend gemacht, während die italienischen Handwerker noch bis acht Uhr geputzt und geschraubt haben. Wir haben geduscht und unserer frischesten Sachen angezogen, d. h. das Hemd von vorgestern, und sind in ein Restaurant in der Nähe zum Abendessen gegangen (mit den Packern). Wir haben sehr gut gegessen, uns gut unterhalten. Der Wirt bot uns gleich seine Frau als zukünftige Putzhilfe an.
Was als fröhlicher Abend begann, endete abrupt mit einem Sturz unseres Sohnes von einer Wippe auf dem Spielplatz. Wahrscheinlich ist der Ellbogen gebrochen.
Wir haben David eine Nacht damit schlafen lassen, aber heute morgen ist Michael mit ihm ins Krankenhaus nach Neapel gefahren.
Der Umzug geht voran - endlich. Nachdem wir einen Adapter für unsere deutschen Stecker gefunden haben, konnte ich sogar für die Männer Kaffee kochen. Eine Art Notfrühstück haben wir auf dem Computertisch im Keller, zwischen Kisten und Malergerüsten organisiert. Michael und ich haben heute morgen Brot und Aufschnitt, Putzmittel und Hundefutter gekauft. In einer Bar haben wir gefrühstückt - mit Cappuccino und Brioche - bevor wir in der Lage waren, für die anderen zu sorgen und beim Umzug zu helfen.
Als wir zurückkamen, trafen wir den Nachbarn von gegenüber, der uns seine Freundschaft und das "Du" anbot. Er ist Herzspezialist (na, Gott sei Dank) und hat einen Sohn in Davids Alter.
Plötzlich ein neues Problem - der Hund ist fort. Wir haben gerufen und sind überall in der Nachbarschaft auf die Suche gegangen - vergebens. Bella blieb verschwunden und wir waren alle sehr bedrückt.
Mittlerweile hat sich der Hund wieder angefunden. Er hatte sich im Nachbarhaus, welches auch noch im Rohbau ist, verlaufen und war eingeschlossen worden. (Die Tür, die gerade vor meinen Augen geschreinert wird, kostet übrigens 700 DM, ist aus massivem Nussbaumholz, welches aus Rumänien bezogen wird)
Mittlerweile funktioniert die Elektrik, das warme Wasser und die Heizung. Das Klavier (300 Kilo) steht schon an seinem Platz, und um mich herum wird zur Zeit der Schlafzimmerschrank aufgebaut. Michael ist immer noch nicht aus dem Krankenhaus zurück.

Freitag, 17. September

Drei Wochen sind vergangen - mit putzen, Handwerkern in der Wohnung, Schulanfang, dem Suchen der alltäglichen Trampelpfade. Wir haben fast alle Nachbarn kennengelernt - die einen etwas besser, die andern oberflächlicher.
Davids Arm, der tatsächlich gebrochen war, ist schon wieder aus dem Gips. Die Kinder haben einen guten Anfang in der englischsprachigen Schule gemacht. Die anfängliche Verzweiflung, mit der ich fest gerechnet hatte, blieb aus. Sie fanden alle drei in der jeweiligen Klasse einen anderen deutschsprachigen Schüler, der bei Bedarf dolmetschen kann.

Donnerstag, 30. September

So, nun machen wir einen gewaltigen Sprung. Aus Kummer darüber, dass ich immer noch kein Telefon und also auch keinen Internetanschluss habe, habe ich das Tagebuchschreiben ganz gelassen. Außerdem gab es wahrhaftig genug andere Dinge zu sehen und zu erleben.

Am letzten Wochenende zum Beispiel haben wir dem Haus und dem Dreck und der Arbeit, die damit verbunden ist, den Rücken gekehrt und sind mit Mann und Maus, d.h. wir alle fünf samt Hund, auf die Insel Ponza gefahren.

Es ging am Freitag direkt nach dem Unterricht der Kinder, also kurz vor drei Uhr, mit dem "neuen" Auto (Fiat Uno Turbo Diesel, Baujahr 88) in wilder Fahrt nach Formia. Das liegt etwa achtzig Kilometer nördlich von Neapel und ist Anlaufhafen der Gesellschaft Caremar, die das Festland mit Ponza und Ventotene verbindet. Der Autofähre konnten wir gerade noch zuwinken, als wir gegen zwanzig vor vier Uhr am Hafen ankamen. Nun hieß es Schlange stehen an der Biglietteria, um Plätze auf dem Aliscafo (Tragflügelboot) zu bekommen, dass um 16:40 Uhr abfährt. Michael hat derweil das Auto bei einem Parkplatzwächter für 10.000 Lire in Obhut gegeben. Ich habe immer das dumme Gefühl, dass sie mehr ihren Parkplatz als unser Auto bewachen.

Nach dem üblichen Chaos, das herrscht, wenn Italiener südlich von Rom in einer Schlange stehen sollen, saßen wir zufrieden um kurz vor fünf im Bauch des Schiffes, welches uns in schneller Fahrt, aber leider mit dem Umweg über Ventotene, um sieben Uhr in Ponza ablieferte.

Die Sonne war gerade untergegangen und ein riesiger Vollmond überstrahlte die kleine Bucht, in der der gleichnamige Hauptort der Insel Ponza eingebettet liegt. Der Baustil der Häuser, weiße und pastellfarbige Würfel, gibt Zeugnis davon, dass die Araber und Sarazenen einst Herren der Insel waren.

Unsere Ferienwohnung liegt jedoch nicht dort am Hafen, sondern in La Forna, einem Örtchen auf der anderen Seite der zerklüfteten Insel. Am Hafen wartete schon ein Freund aus Rom auf uns. Er war schon einen Tag eher auf der Insel und hat das ganze Wochenende für uns organisiert. Und so hatte er den Wirt einer Trattoria überreden können, uns mit seinem Kleinbus abzuholen. Dafür würden wir die nächsten Abende bei ihm Essen.
Das Ferienhaus liegt oberhalb eines kleinen natürlichen Hafens für Fischerboote. Über steile Pfade gelangt man ans Wasser. Autoverkehr kommt nicht hierher.

Am nächsten Morgen fahren wir mit einem eigenen Boot zur Insel Palmarola, sechs Seemeilen entfernt. Auch für das Boot samt Kapitän hatte unser Freund gesorgt, und so konnten wir den ganzen Tag zwischen steilen Felsnadeln schwimmen und angeln und auf dem Bootsdeck in der Sonne dösen. Es waren nur wenige andere Boote unterwegs, denn die Saison ist im September schon längst vorbei.
Es war ein Tag wie aus einem Märchen: kristallklares warmes Wasser, Grotten, die man durchschwimmen kann, kleine einsame Badebuchten. An einem Strand, eingefasst von hohen Felsen bereiten wir uns einen Imbiss aus Mozzarella, Tomaten, Paprika, Brot und Keksen.

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